Jemand macht einen Fehler - und schon sind wir nicht mehr bei der Sache, sondern bei der Person.
Dann kommen die vertrauten Kategorien:
Schuld.
Soll sie sich was schämen.
Und wenn wir schon dabei sind: vielleicht noch ein bisschen geißeln. Aber auf jedenfall extra viel Empörung!
Dahinter steckt eine ziemlich robuste Gleichung: Fehler = Schuld.
Ich halte diese Gleichung für ebenso beliebt wie unergiebig.
Natürlich gibt es Fahrlässigkeit, bewusstes Fehlverhalten und Regelverstöße. Aber die meisten Fehler entstehen sehr viel banaler: unter Zeitdruck, durch Missverständnisse, falsche Annahmen, unklare Prozesse, fehlende Informationen oder schlicht dadurch, dass Menschen gelegentlich Dinge falsch machen.
Das Problem beginnt dort, wo aus dem Fehler sofort eine moralische Bewertung wird.
Wer mit Scham rechnen muss, denkt nicht zuerst:
Was können wir daraus lernen?
Sondern:
Wie erkläre ich jetzt möglichst überzeugend, warum eigentlich jemand anderes schuld war?
Dann wird relativiert, beschönigt, verschoben, zurückgeschlagen oder schlicht verschwiegen. Das Ergebnis ist paradox:
Je stärker eine Organisation Fehler moralisiert, desto weniger erfährt sie über ihre Fehler.
Die drei magischen Fragen
Ich erzähle mal was aus einer meiner beruflichen Aufgaben: dem IT-Problem-Management.
Problem Manager werden dann gerufen, wenn größere – und meist entsprechend teure – Störfälle aufgeklärt werden sollen. Also wenn zum Beispiel ein Rechenzentrum explodiert ist, ein Bagger versehentlich eine Großbank lahmgelegt hat oder eine Fertigungsstraße stundenlang in die falsche Richtung gelaufen ist.
Das klingt zunächst sehr technisch. Ist es auch. Aber eben nicht nur.
Problem Management ist eben spannend, weil es Technik aus den verschiedensten Bereichen umfasst, dazu Organisation, Prozesse, Kommunikation, manchmal den Zufall – und oft genug erstaunlich viel Psychologie.
Denn größere Störungen entstehen selten nur "in der Technik". Meist greifen Menschen, Systeme, Abläufe, Entscheidungen und Rahmenbedingungen ineinander. Und dann stellt man im Problem Management im Grunde drei magische Fragen:
Was ist eigentlich passiert?
Warum ist es passiert?
Und was müssen wir tun, damit es nicht noch mal passiert?
Auffällig ist, welche Frage darin nicht vorkommt:
Wer war schuld?
Für die eigentliche Problemlösung ist diese Frage weitgehend irrelevant. Mehr noch: Sie kann ausgesprochen schädlich sein. Wenn ich in einer Organisation anfange, bei jedem Fehler nach Schuldigen zu suchen, spricht sich das herum. Sehr schnell sogar.
Und dann passiert etwas, das für einen Problem Manager ziemlich fatal ist: Niemand erzählt einem mehr offen, was wirklich passiert ist. Es wird beschönig, gelogen oder geschwiegen, aus Angst, Stolz oder Scham.
Schuld ist eine destruktive Kategorie.

